Gegenständliche Bilder ohne Gegenstände

Ein Text von © Uli Bohnen (August) 1996

Senna, 1994
Senna, 1994

Frank Dömer hat die zeitgenössischen Lektionen der Malerei an qualifizierter Stelle gelernt. Ihre inneren Fragestellungen erschließt er sich jedoch selbst.
Das ist auch nötig, denn es kann ja nicht damit getan sein, aus purer Lust am Farbengeruch vor sich hinzumalen.
(Schon Raoul Hausmann bezeichnete die mehr oder weniger leidenschaftlichen Pinsler seiner Zeit als „terpentinbesoffen“!)
Andererseits wäre das Geschichtsbewusstsein in der Malerei allzu simpel verkürzt, wenn damit lediglich die bildhafte Wiedererkennbarkeit von Zuständen oder Handlungen gemeint wäre, die unser alltägliches Leben bestimmen.
Der historische und soziologische Ort, von dem ausgehend Kunst jeweils produziert wird, definiert sich nämlich weniger durch die umstandslose, quasi literarische Übersetzbarkeit der Werke, als vielmehr durch die — sei es gezielt widerspruchsträchtige, sei es übermäßig (und insofern nur scheinbar) kommensurable — Weise, in welcher Materialien und Techniken angewandt bzw. Formen entwickelt werden, die bei den Betrachtenden mehr oder anderes auslösen als nur genug volles Zungenschnalzen oder zustimmendes Kopfnicken.

Damit nicht genug; zu den Komplikationen zeitgenössischer Kunstproduktion gehört, dass selbst die Provokation der Betrachtenden kaum eine Zielsetzung sein kann, die zur Legitimation des bildnerischen Tuns taugt, denn stets werden sich Interpreten melden, die und zwar zu Recht! darin eine Reprise vergangenen Aufbegehrens (mit nachträglichem, aber damals immerhin ungeahntem) Markterfolg wittern – eine Haltung also, die schon bei den Surrealisten zur verlogenen Attitüde verkam und die ihre Unschuld nie mehr wiedergewinnen wird. (Als ernstgemeinter „subjektiver Impuls“ zeugt eine solche Haltung nur noch von geradezu jämmerlicher, d. h. historisch unwahr gewordener, Naivität.)

Warum all diese theoretischen Ausführungen, obwohl es doch eigentlich um Malerei — genauer: um die Gemälde Frank Dömers — gehen soll?
Erstens, weil der Markt voll ist mit Zeugnissen der soeben beschriebenen Jämmerlichkeit; zweitens, weil Frank Dömer sich der Arbeit unterzieht, die hier umrissenen Reflexionen nicht der sinnlichen Qualität von Malerei als Malerei zu opfern, sondern das eine wie das andere durchzuhalten!
Wir haben es mit einem gänzlich unnaiven Maler und mit gänzlich unnaiver Malerei zu tun.
Wenn es in der Überschrift zum vorliegenden Text heißt; „Gegenständliche Bilder ohne Gegenstände“,
dann bedeutet dies, dass die Gemälde selbst sowohl Reflexionsgegenstände als auch dialogisch zu verstehende Resultate von Reflexionen sind; und es bedeutet, dass die auf jenen Bildern anzutreffenden Motive, wie sehr sie sich auch von der uns geläufigen Gegenstandswelt unterscheiden mögen, sorgsam definierte Formen sind, deren Materialität und Textur, Farbigkeit und Umraum nur so und nicht anders denkbar wären.

Und wer genauer hinsieht, wird auch bemerken, dass Dömers Verfahrensweise ebenso weit von den willkürlichen, „unterbewussten“ bzw. assoziativen Praktiken der Surrealisten entfernt ist wie von den scheinbar subjektiven Ergüssen der expressionistischen Traditionalisten bzw. Akademiker. Um Malerei als Malerei zum Gegenstand von Reflexion zu machen, und um sie als Gegenstand von Reflexion kenntlich werden zu lassen, ohne ihren Charakter als Malerei dafür preiszugeben, bedarf es wie Dömer demonstriert — keiner kopfstehenden Kalauer, deren einmalige Originalität nach der ersten Wiederholung in Peinlichkeit umschlägt.
Dömer gelingt das Kunststück, Probleme der Welt als Probleme der Malerei zu formulieren — zu fragen wäre, ob dies auch umgekehrt gilt —, ohne die Malerei als bedauernswerten Packesel unter dieser Last einknicken zu lassen. Im Gegenteil: seine Bilder strahlen Stärke und vitales Eigengewicht aus. Ihre Betrachter können in der Auseinandersetzung mit ihnen — sie erkennend, sich erkennend wachsen.
Geschieht dies, wie zu hoffen ist, als Prozess der Bewusstwerdung, so ist das kein Unglück, denn Unglück gab es bereits zuvor; es hat sogar veranlassend daran teil, dass es diese Malerei überhaupt gibt. Aber in ihr erhält es Form; sein numinoser Schein verflüchtigt sich. Und wir können einiges von dem lernen, worum es geht anhand zeitgenössischer Malerei, in der zeitgenössischen Malerei.
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